Gastbeiträge


Tradition Raiffeisen: Wirtschaft neu denken

13. Juni 2018 bis 27. Januar 2019 | Wechselausstellung "Tradition Raiffeisen: Wirtschaft Neu Denken" | Landesmuseum Koblenz

Spannende Koblenzer Ausstellung im 200. Geburtsjahr des Genossenschaftsgründers

Von Andreas Pecht

Dass auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein stets allerhand los ist, hat sich inzwischen weit über das nördliche Rheinland-Pfalz hinaus herumgesprochen. Festivals, Konzerte, Vorträge, Erlebnisevents für jede Altersklasse sowie Dauer- und Sonderausstellungen machen sie zu einem Ort ebenso des Vergnügens wie der lehrreichen Information. Auf Letzteres sei im Folgenden das Augenmerk gerichtet, namentlich auf eine große Sonderausstellung, der über 2018 hinaus Bedeutung zukommt: „Tradition Raiffeisen: Wirtschaft Neu Denken“. Sie knüpft an den diesjährigen 200. Geburtstag des im nahen Westerwald geborenen Friedrich Wilhelm Raiffeisen und dessen Genossenschaftsidee an. Diese bundesweit größte und auch eigenwilligste Präsentation anlässlich des Raiffeisen-Jubiläums ist vorerst bis Januar 2019 terminiert, eine Fortsetzung über das gesamte kommende Jahr aber bereits angedacht. Es handelt sich um eine geschichtlich erhellende und mit modernster Museumstechnik zum aktiven Gegenwartstransfer des Genossenschaftsthemas anregende, aufs breite Publikum zugeschnittene Ausstellung – die dem ureigentlich technik-, wirtschafts- und sozialhistorischen Koblenzer Schwerpunkt im Trio der rheinland-pfälzischen Landesmuseen neben Mainz und Trier entspricht.

200. Geburtstag – war da nicht noch einer? Richtig, Karl Marx, um den sich in seiner Vaterstadt Trier so vieles dreht und seit jeher eifrig gestritten wird. Er und Raiffeisen wurden Frühjahr 1818 hineingeboren in die sich rasend schnell und brachial verändernde Welt der beginnenden Industriellen Revolution. Das nördliche Rheinland-Pfalz ist im Jahr 2018 Zentrum der gedenkenden, würdigenden, auch der kritischen Auseinandersetzung mit diesen beiden „Landeskindern“, mit Männern, deren Arbeit weltweit von sozialpolitisch enormer Bedeutung war, teils noch ist. Während sich in Trier, dem dortigen Rheinischen Landesmuseum und anderen Ausstellungsorten, alles um den theoretischen Sozialrevolutionär Marx dreht, hebt das Koblenzer Landesmuseum auf den praktischen Sozialreformer Raiffeisen ab. Derweil Marx sich in Köln, Brüssel, Paris, London vor allem mit der Lage des städtischen Proletariats und mit den großen Fragen der kapitalistischen Ökonomie herumschlug, hatte es Raiffeisen zwischen Hamm an der Sieg und Neuwied am Rhein vor allem mit dem Elend der Bauern als einer Auswirkung derselben zu tun. Zweischneidig ist der Fortschritt, stellte der Rauschebart aus Trier im Kommunistischen Manifest klar; das musste auch der evangelische Christ im Westerwald erfahren.

Hinter einer kleinen Pyramide aus ärmlichen Reisekoffern vergangener Zeit, zeigt ein großes Panorama eingangs der Koblenzer Raiffeisen-Ausstellung, wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts u.a. durch die preußischen Reformen von Stein und Hardenberg einerseits zwar die Leibeigenschaft aufhoben wurde. Andererseits aber versanken die „befreiten“ Bauern wegen Land- und Kapitalmangels bei strammen Abgabenpflichten in Schulden und Not. Das führte zu Auswanderungswellen nach Übersee respektive starker Abwanderung verelendeter Landbevölkerung etwa in die aufstrebenden Industriezentren an Rhein und Ruhr – wo die verarmten Bauern als neue Proletarier vom Regen in die Traufe gerieten. So ging es damals zu im Westerwald, wo Raiffeisen als eines von neun Kindern einer selbst ärmlichen Familie aufwuchs.

Natürlich widmet die Ausstellung der Vita des Mannes, der zwischen 1845 und 1865 nacheinander in drei Westerwald-Gemeinden – Weyerbusch, Flammersfeld und Heddesdorf bei Neduwied – Bürgermeister war, eine eigene, indes kompakt knappe Abteilung. Denn nicht Raiffeisens Biographie steht im Vordergrund, sondern seine nachwirkenden Ideen gemeinschaftlichen Wirtschaftens und seine praktischen wie pragmatischen Genossenschaftsansätze nach dem Solidarprinzip „was einer alleine nicht schafft, das vermögen viele“. Raiffeisen hatte sich nie die radikale Umwälzung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf die Fahne geschrieben. Sein Ansinnen war, Genossenschaften als eine Art bäuerlicher Notgemeinschaften zu bilden: deren Mitglieder einander finanziell beistehen, die gemeinsam günstiger einkaufen und gemeinsam eine stärkere Position bei der Vermarktung ihrer Produkte erreichen können. Im Zentrum des Präsentationsraums über Raiffeisens Leben liegt seine Familienbibel. Sie symbolisiert das Hauptmotiv des in Hamm a.d. Sieg Geborenen: das christliche Gebot der Nächstenliebe. Wenige Schritte weiter lädt die erste von neun Mitmachstationen auf ganz schlichte Weise ein zum Erfahren von Raiffeisens Maxime „was einer alleine nicht schafft, das vermögen viele“: Treten mindestens drei Besucher gemeinsam auf eine Bodenplatte und „tanzen“ darauf, beenden sie damit den tristen Dauerregen auf einer Projektionsfläche dahinter und lassen die Sonne aufgehen.

Dass zu jener Zeit – da Fortschritt und Massenverelendung zwei Seiten derselben Medaille waren –  eine Fülle von sozialpolitischen Veränderungsbestrebungen aufkamen, macht ein eigener Raum deutlich: Vor dem Hintergrund eines Gemäldes von Käthe Kollwitz, das wütende Arbeiter und Bauern zeigt, ist Raiffeisen eingebunden in eine Gruppenaufstellung mit anderen Reformern und Revolutionären seiner Zeit. Darunter der Sozialdemokrat Ferdinand Lassalle, der Sozialkatholik Adolph Kolping, die frühe Frauenrechtlerin Minna Cauer – und natürlich Hermann Schulze-Delitzsch, der andere große Genossenschaftspionier, dem es vor allem um die armen Städter ging. Doch Raiffeisen rief nicht nur bäuerliche Notgemeinschaften zwecks „Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung“ ins Leben. Er hatte rasch begriffen, dass das solidarische Zusammenwirken der Kleinbauern wenig nützt, solange sie keinen Marktzugang für ihre Produkte haben. Die Ausstellung verdeutlich, wie die von Raiffeisen durchgesetzten Straßenbauten den vordem weitgehend isolierten ländlichen Raum auf der Westerwald-Höhe ans Rheintal und an das gerade im mittleren 19. Jahrhundert sich rasend schnell ausbreitende Eisenbahnnetz anschlossen. Mit ähnlicher Rasanz verbreitete sich die Genossenschaftsidee über das Reich und über die Landwirtschaft hinaus auf zahllose Lebensfelder.

Der Ausstellungsweg führt über eine Vielzahl von Beispielen des Genossenschaftswesens in Deutschland hin zur Gegenwart. Thematisiert wird die Vereinnahmung der Genossenschaften sowohl durch die Nationalsozialisten wie nachher durch das SED-System in der DDR. In beiden Fällen wird die Verschmelzung landwirtschiftschaftlich kleiner Produktionseinheiten zu immer größeren Konglomeraten unter staatlichem Diktat betrieben. Für den Nachkriegs-Westen wird u.a. am Beispiel des zerstörten Koblenz verständlich, dass beispielsweise ohne Wohnbau-, Bank- und Agrargenossenschaften der schnelle Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg kaum möglich gewesen wäre.

Für die Gegenwart schließlich erhellt die Ausstellung,  dass die Genossenschaftsidee durchaus nichts Gestriges ist, sondern heute tausende Genossenschaften mit hunderten Millionen Mitgliedern hierzulande wie weltweit aktiv sind. Die Schau erinnert daran, dass anno 2014 die Genossenschaftsidee auf gemeinsamen Initiative der Bundesländer Sachen und Rheinland-Pfalz in die UNESCO-Liste des immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen wurde. Und wir erfahren, dass es noch nie so viele Genossenschaften mit derart vielen Mitgliedern gegeben hat, wie eben heute: Rund eine Milliarde „Genossen“ zählen die Vereinigungen rund um den Erdball, 20 Millionen allein in Deutschland. Manch ein Ausstellungsbesucher staunt nicht schlecht, wenn er an diversen Mitmachstationen ganz plastisch erfährt, wie viele unserer alltäglichen Produkte und Dienstleistungen von der Sprudelwasserflasche bis zum Taxidienst aktuell genossenschaftlicher Natur sind. Am Rande fällt der Blick auch auf die besondere Bedeutung, die diese Art des gemeinschaftlichen und gemeinsinnigen Wirtschaftens gerade für die ärmeren Regionen und Schichten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas haben kann.   

Abschließend folgt jener Schritt, den die gesamte Ausstellung peu a peu durch zahlreiche Anlässe und Anregungen zum Mitmachen, Mitdenken, Selbstdenken vorbereitet: Die Aufforderung, sich vor dem Hintergrund der Genossenschaftsidee und ihrer Geschichte mal offen und unvoreingenommen mit jüngsten Alternativansätzen für das Wirtschaften jetzt und in der Zukunft zu befassen – vom Reparatur-Café bis hin zu Gemeinwohl-, Solidar- oder Postwachstumsökonomie. „Denn“, so die Kuratorinnen Angela Kaiser-Lahme und Romina Schiavone, „wir befinden uns heute in einer ähnlich tiefgreifenden Umbruchepoche wie seinerzeit Raiffeisen“. Die Koblenzer Präsentation bringt die über Generationen in mannigfachen Formen erprobte Idee des solidarischen Wirtschaftens jenseits der bloßen Profitmaximierung (wieder) zu Bewusstsein. Den Menschen in den Mittelpunkt stellen, die Möglichkeiten zu Kraft, Kreativität und sozialer Beheimatung im gemeinsamen Tun erwägen – im Großen oder in Nischen. Finden sich da Alternativen zu den festgetrampelten, oft in sozialen und ökologischen Sackgassen endenden Pfaden des globalen Turbokapitalismus? Auf diese Frage und auf die Handlungsmöglichkeiten jedes Einzelnen kapriziert sich diese fabelhafte Ausstellung in ihrem Schlussteil.


„Tradition Raiffeisen: Wirtschaft Neu Denken“
Bis 27. Januar 2019
Landesmuseum Koblenz in der
Festung Ehrenbreitstein
Infos: www.tor-zum-welterbe.de

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